Der Wert der Skulptur lässt sich wie folgt bemessen: je mehr sie sich vom Handlichen entfernt, desto näher kommt sie dem Mysterium.
 ARTURO MARTINI
 
Francesca Cataldi       
 Francesca ist in Neapel geboren, wo sie die Hochschule für Bildende Künste absolvierte
 
Sie lebt und arbeitet in  Rom. Ihre erste Einzelausstellung fand 1964 statt, es folgten weitere zahlreiche Ausstellungen in Italien. Zu Beginn stand ihre künstlerischen Laufbahn noch ganz im Zeichen der Malerei (informelle und materische Malerei ) doch schon Ende der 70er Jahre widmete sie sich immer mehr der Erkundung plastischer Materialien, um sich der Dreidimensionalität, der Bildhauerei, zu nähern, die ihr vom Wesen her mehr liegt (Eisen, Glasfaser, Kupfer, Bitumen, Teer, Glas, Zement, Zellulose, handliniertes Papier, Fotodruck) Alles sogenannte arme Mittel, denen neuen Bedeutungen verliehen werden und  die dank des Zusammenspiel von Licht und Volumen im Unterbewusstsein der Betrachters weiter verarbeitet werden. Die Künstlerin erzielt in ihrer  Erkundung der Materie bedeutsame Erfolge, die sich in der Realisierung wichtiger Einzel- und Kollektivausstellungen in Italien so wie im Ausland niederschlagen, darunter die Teilnahme an den Biennalen Venedig 1995 und 1997.  1990 und 1992 übernahm  sie die Beraterfunktion für den Bereich der Kunst auf der Buchmesse von Neapel und bei der öffentlich-rechtlichen Fernsehanstalt RAI International, 1998 und 1999 leitete sie Kunstseminare in einer höheren Schule in  Weiz in Österreich.
 
Seit 1995 unterrichtet sie  an der Europäischen Kunstakademie in Trier in Deutschland.
 
Die Techniken, derer sich die Künstlerin bedient, passen sich den jeweiligen Materialien an und umgekehrt. Sie stehen im Dienste des Ziels, das die Künstlerin verfolgt, nämlich ihrer Vorstellungswelt Ausdruck zu verleihen. Die Materie ist gelebt, von der Zeit gezeichnet, nicht unbeleckt, neu oder "neugeboren": es ist antike Materie,  die einer kollektiven Vergangenheit angehört. Scherben, Fragmente werden zweckentfremdet wiederverwertet und veredelt, sie breiten ihre raue, zerfruchte Oberfläche über das, was bereits geschehen ist, während die Gegenwart sie wie eine gläserne Hülle umgibt, die einen Blick in die Zukunft freigibt.
   
Die gleiche Behandlung erfahren Steine, von Resteisen umwickelt, werden sie anschließend in Glas eingeschmolzen. Jeder Stein ist ein in sich geschlossener Mikrokosmos, eine Art Konzentrat der archäologischen Erinnerung, eine Reduzierung auf das Wesentliche, die als Bezugspunkt nicht sden Primitivismus oder den Minimalismus hat, sondern sich auf die alleinige Anziehungskraft der Materie selbst beruft, die unwiderstehlich in ihrer Ursprünglichkeit und in ihrer Unergründbarkeit ist, Quell  immer neuer Herausforderungen.
Noch deutlicher tritt diese Technik bei den Büchern hervor, angefangen bei Athathari,  dem Buch, das 1995 auf der Biennale präsentiert wurde, oder bei  Asphaltos aus Zement und Teer.
Buch ist ein Schlüsselbegriff in der Recherche von Francesca Cataldi: es ist Symbol des Gedankens und zugleich zeigt es die fortwährende Verwandlung, die  Verschmelzung und  Zersplitterung der Geschichten in der Zeit und den Zeiten, auf dem Papier überschneiden sich Figur und Materie, die Hierarchie von Subjekt und Objekt erfährt dabei eine Umkehrung.
Es handelt sich um eine Wiederverwertung ad acta, zur Seite gelegter Materialien, die aus der Vergessenheit erlöst zu neuem Leben erweckt werden. Altes Archivmaterial, alte Stadtpläne, alte Landkarten. Alt ist in der Sprache der  Künstlerin Synonym für wesentlich, denn die Ablagerung, die Sedimentierung der Zeit und die  Überlagerung des Gelebten lösen das inner, fast liebevolle Bedürfnis aus, das, was weggeworfen und vergessen wurde, wieder zu Leben zu erwecken.
In ihren Büchern aus Glas schichtet Francesca Cataldi recycelte Metalle in transparenten Hüllen übereinander. Denn Abfallprodukte bergen die geheime Geschichte, die Untergeschichte, dies es auszugraben gilt, um vergangene Kulturen wieder zu erschließen. Es ist eine archäologische Arbeit. Ein Haufen Knochen oder ein kaputtes Instrument erzählen uns von dem Leben , von den Gedanken derjenigen, die vor uns gelebt haben, und irgendwoher, aus der Tiefe, erklingt der  verheißungsvolle Flüsterton der Mystik, der Kontemplation, die für die Künstlerin in enger Verbindung zum  Thema Abfall zu stehen scheint.
In den kleinen Büchern aus Stein oder Papier werden Geschichten von der Materie, der Farbe und vielleicht auch von Menschen erzählt. Geschichten zu erzählen bedeutet für Francesca Cataldi, der Phantasie freien Lauf zu lassen, sich in andere Zeiten und andere Realitäten zu versetzen.
Die Begeisterung für das Erzählen hat Francesca Cataldi Paneelen aus Papier konstruieren lassen. In die Behandlung des Papiers fließt die Erfahrung im Umgang mit anderen Materialien ein, es sind  Paneelen, die die Materie der Gedanken in   Erinnerung rufen. Das Figürliche weicht dem Abstrakten, die geschichtlichen Ebenen überlagern sich, in dem Moment, in dem auf dem Werdegang gesehene und wiedergefundene Bilder wie andere "festere" Fundstücke behandelt und in das Gesamtbild eingebunden werden. Die Ebenen vervielfältigen sich, das Flächige des Blatts, des Papiers wird aufgehoben in diesen Paneelen, in denen sich Innen und Außen integrieren, Form und Inhalt endlich eins werden.
         Francesca Cataldi erforscht die verschiedenen Seelen des Papiers auch im Video.  In der Verschmelzung von Papier und Video  versucht sie den Lauf der Dinge zu erkennen ,  den Wege der Menschheit zu verfolgen, die sich wie ein Strom bewegt, stetig der Berührung äußerer Einflüssen ausgesetzt.
Note biografiche
Francesca Cataldi